Damit Kinder und Jugendliche zu verantwortungsvollen Erwachsenen heranreifen und eines Tages zu gesellschaftsfähigen Mitgliedern dieser Welt werden, müssen sie lernen, sich Regeln, Gegebenheiten und Strukturen zu fügen. Ist klar. Oder?

Na ja, ich sage es mal so: Natürlich sollte das Ziel der Erziehung und der Pädagogik sein, dass Kinder irgendwann in der Lage sind, in dem System klar zu kommen, in dem sie/wir leben.
Da gibt es für mich aber zwei Fragen:
1. Wie stellt man geschickt an, dass die Kinder in diesem System klarkommen?

2. Was, wenn es in diesem System nun mal Strukturen und Normen gibt, denen man nicht einfach nur folgen sollte, sondern denen man auch mal kritisch gegenüberstehen sollte?

Eine häufige Annahme, die ich in Fortbildungen immer wieder erlebe und die dafür sorgt, dass ich auch regelmäßig Gegenwind für meine Haltung bekomme, ist die, dass Kinder eben einfach lernen müssen, auf Erwachsene zu hören. Und ja, ich betone dann immer, dass ich natürlich auch nicht nur weichgespült unterwegs bin und dass natürlich auch hier und da eine strenge Ermahnung keinen Weltuntergang bedeutet. Dennoch habe ich so meine Schwierigkeiten damit, wenn es einfach nur darum geht, dass Kinder Anweisungen befolgen sollen.
Zum einen sollten die Kinder in dem Moment, in dem eine Fremde Person sagt: „Komm mit, ich zeige Dir ein Geheimnis“ um alles in der Welt NICHT auf diese erwachsene Person hören und ganz klar mit: „Nein ich will das nicht“ antworten. Und das lernen sie eben nur, wenn sie auch in anderen Situationen erfahren, dass ihr Wort gehört wird und dass es ernst genommen wird. Wenn Kinder nur stumpf auf Anforderungen reagieren, entwickelt sich ihre eigene Persönlichkeit, ihre Meinung und auch ihr Wertesystem viel weniger, als wenn sie Freiräume bekommen.
Das bedeutet für mich als Antwort auf die erste Frage: Kinder sollten vor allem die Möglichkeit bekommen, zu verstehen. Sie sollten verstehen können, warum es beispielsweise wichtig ist, sich gegenseitig aussprechen zu lassen oder sich nicht gegenseitig zu verletzten. 
Wenn sie die Gründe für Regeln nachvollziehen können, dann entwickeln sie eine intrinsische Motivation, sich an diese zu halten und werden nicht nur dazu gebracht, weil sie Angst vor den Konsequenzen haben.
Und wenn es dann mal vorkommt, dass sich ein Kind nicht an die Regeln hält und andere Kinder eben nicht aussprechen lässt oder doch mal in eine Prügelei gerät, dann ist es im Ermessen jeder einzelnen erwachsenen Person, wie sie damit umgeht.
Bekommt das Kind eine Konsequenz oder Strafe, in der Hoffnung, dass es sich aus Angst vor dieser Strafe nicht noch mal prügelt?
Oder wird ihm ebenso Verständnis entgegengebracht, in dem versucht zu verstehen, wie es zu der Prügelei gekommen ist und indem man gemeinsam an Handlungsoptionen fürs nächste Mal arbeitet?
Meiner Meinung nach vermittelt man auf diese Weise deutlich mehr, als wenn man die Kinder durch einen klaren Regel-Strafen-Katalog dazu bringt, sich regelkonform zu halten.

Bleibt noch die zweite Frage: Dürfen Kinder Kritik äußern?
Wir leben in einer Welt, in der zum einen die Verantwortung jedes einzelnen Menschen immer wichtiger wird und in der zum zweiten viel mehr Möglichkeiten bestehen, seiner Stimme und seiner Haltung Gehör zu verleihen.
Als Beispiel dient da natürlich unter anderem die Fridaysforfuture Bewegung.
Ist es also für die nächsten Generationen nicht besonders wichtig, dass sie ein Gefühl für die Welt bekommen, ein Gefühl für ein friedliches Miteinander, für die Umwelt und auch für die Politik?
Um ein solches Gefühl zu entwickeln und um dann vor allem auch diesem Gefühl zu folgen und – wenn auch nur im ganz Kleinen – mit einem guten Beispiel voran zu gehen und die Welt ein ganz kleines Bisschen „besser“ zu machen, ist es vor allem wichtig, dass Kinder eben kritisch sind, dass sie trotzdem optimistisch sind und dabei auch Handlungsmut zeigen und lösungsorientiert denken. Und das werden sie nur, wenn sie so früh wie möglich erleben, dass sie Einfluss haben. 
Und mit Einfluss meine ich natürlich nicht den Einfluss auf die ganze Welt, sondern den Einfluss auf ihr eigenes Leben. Sie sollten die Möglichkeit bekommen in einem festgesteckten Rahmen zu Gestaltern und Gestalterinnen zu werden und Dinge zu bewirken – Und wenn das „nur“ ein nein zu einer bestimmten Aktivität ist – Auch die Kleinsten verdienen es, gehört und ernst genommen zu werden.