„Sie ist gerade nicht am Platz.“ Das war ein Satz, den ich gelernt habe, als ich bei einem freien Träger im Büro als Teamleitung angefangen habe.
Ganz verwundert dachte ich manchmal „Moment, sie steht doch da vorne am Schrank mit den Akten.“, wenn die Kolleg*innen Anrufer*innen vertrösteten. 
„Nicht am Platz“ – Das war mir neu.

Versteht mich nicht falsch, in diesem Team war niemand faul und der Job war auch alles andere als langweilig – im Gegenteil, wir standen regelmäßig ganz kurz vor der totalen Überlastung, Aber dennoch hat man in einem Büro nun mal die Möglichkeit zu sagen: „Nein, jetzt nicht. Das mache ich morgen, auch wenn ich dafür eine Stunde früher kommen muss.“
Ich, die ich gerade aus einer Kita kam und einmal wöchentlich das Kochen mit einer Gruppe verhaltensauffälligen Jugendlichen beaufsichtigt hatte, konnte mit „nicht am Platz“ nichts anfangen. In meinen bisherigen Tätigkeiten war das undenkbar, da war man immer „am Platz“.

Und das ist meiner Meinung nach eine Besonderheit in der praktischen pädagogischen Arbeit. Z.B. in Kitas: Es gilt permanent wachsam zu sein, bereit zu sein, wenn sich jemand verletzt oder auch „nur“ ein Problem hat und weint. Es können immer wieder Streitereien zwischen den Kindern aufkommen, bei denen man einschreiten sollte und nebenher muss man auch noch das Angebot managen und vielleicht für’s Mittagessen sorgen.
Habe ich eigentlich schon von der meist chronischen Unterbesetzung gesprochen?

Und auch in der Schule ist es im Grunde nicht anders: Wer 6 oder noch mehr Stunden Unterricht am Stück hat, vielleicht hier und da noch Aufsicht hat und ansonsten in den Pausen mit allen möglichen Fragen zu Klassenarbeiten, Ausflügen und Hausaufgaben bombardiert wird, stellt auch um 13:15 Uhr mal fest, dass noch keine Zeit dafür war, in ein Brot zu beißen oder auf die Toilette zu gehen. 

Es ist unglaublich was pädagogische Fachkräfte und Lehrkräfte teilweise leisten (müssen) und meiner Meinung nach wird der Stress, der in diesen Berufen herrscht, teilweise immer noch vollkommen unterschätzt.
In der Kita war ich teilweise für die Schlafwache zuständig – alle die das schon mal gemacht haben, wissen genau wie anstrengend das ist – und schon entstand im Freundeskreis der Witz, dass meine Arbeit aus schlafen bestünde. 

Gleichzeitig sagen in meinem Bekanntenkreis auch immer viele Menschen „Also ich könnte das nicht.“ Ob es die „nervigen“ Kinder sind, der enorm hohe Lautstärkepegel… Ich weiß es nicht. Aber spannend finde ich es doch, dass die Anforderungen zum einen oft vollkommen unterschätzt werden und gleichzeitig vielen Menschen klar ist, dass sie den Job nicht machen würden.

Na ja und dann eben die Frage: Wie kann man eigentlich mit dieser permanenten Anspannung, der Schnelligkeit des Alltags und dem Stress, den die einzelnen Situationen mit sich bringen, umgehen?
Da „mein Thema“ die wertschätzende Kommunikation und die gewaltfreie Haltung ist, geht es mir natürlich besonders darum, dass eben diese besonderen Momente, in denen man vor 5 verschiedenen Herausforderungen steht, genau die sind, in denen man auf die Probe gestellt wird.
Wenn das Team jetzt seit 3 Wochen unterbesetzt ist, es draußen regnet, alle unter Bewegungsmangel leiden und in den Räumlichkeiten die aufgestaute Energie rauslassen, dann bedarf es schon einer ganzen Menge an Tricks, um eben nicht laut zu werden, herumzuschreien und Dinge zu sagen und zu tun, die man später bereuen würde.

Und was sind das für Tricks?
Meiner Meinung nach gibt es da zwei verschiedene Ebenen und zwar die primärpräventiven Faktoren und dann die sekundärpräventiven Faktoren. Das bedeutet zunächst geht es darum zu versuchen, die herausfordernden Situationen im Vorhinein zu verhindern und erst gar nicht entstehen zu lassen. Wie kann man das machen? Meist ist eine gute Selbstkenntnis notwendig, um zu erkennen, in welchen Momenten man überfordert ist und was die genauen Auslöser dafür sind.
Es gilt also im ersten Schritt ganz genau hinzuschauen und zu hinterfragen WARUM man in bestimmten Situationen plötzlich das Gefühl hat, nicht mehr weiter zu wissen. Manchmal sagen wir sowas wie „Es ist einfach alles zu viel.“ und das spiegelt das aktuelle Gefühl wahrscheinlich auch gut wieder, aber es wichtig zu reflektieren WAS genau in diesem Moment für den Stress gesorgt hat. Dass die Kinder machen, was sie wollen, dass die Kollegin fehlt oder, dass Zuhause auch gerade alles anstrengend ist?

Wenn man also die genaue Ursache herausgefunden hat, hat man die Möglichkeit Strategien zu erarbeiten, um diese Momente in Zukunft so gering wie möglich zu halten – Da haben alle ihre persönlichen Bedürfnisse und es ist schwer allgemeingültige Antworten zu geben. Wichtig ist aber die Frage: Was brauche ich? Und wie kann ich es bekommen?

Natürlich kann man mit der Zeit immer mehr Situationen im Vorhinein verhindern, das macht die Erfahrung. Dennoch ist es utopisch zu glauben, man könnte Stress komplett vermeiden – dazu ist der pädagogische Alltag in der Regel zu unvorhersehbar.
Deshalb sollten pädagogische Fachkräfte auch ihre persönlichen Wege finden, um mit solchen Momenten umzugehen.
Ganz banal, aber wirksam: Wenn alles drunter und drüber geht und Du merkst, dass sich auch in Dir Energie aufgestaut hat, die raus möchte und Du kurz davor bist zu schreien – atme. Vielleicht hilft es Dir, kurz bis 3 zu zählen bevor Du reagierst oder vielleicht gibt es ein Mantra, das Du Dir innerlich vorsagen kannst, um Dich zu beruhigen. Das kann tatsächlich auch die Besinnung auf das eigene Vorhaben sein: „Ich bin ganz ruhig.“ Denn so funktionieren wir ja glücklicherweise. Unsere Gedanken steuern unsere Handlungen.

Mehr Tipps um Stress zu reduzieren und vor allem in stressigen Situationen dennoch ruhig zu bleiben und positiv zu kommunizieren, gibt es in meinem Online Kurs „Wertschätzend & Wirksam – in 5 Schritten durch bewusste Kommunikation zu mehr Sicherheit und Zufriedenheit im pädagogischen Berufsalltag.“
Mehr Infos findest Du über den Reiter „Online Kurs“.