Da dieser Satz in meiner heutigen Vorlesung für reichlich Gesprächsstoff mit und unter den Studierenden gesorgt hat, dachte ich, ich erzähle auf diesem Weg einmal, worüber wir uns unterhalten haben.

Das Thema der Vorlesung zur Sozialarbeit im Jugendalter war die Inklusion. Wir haben über die Bedeutung, die Voraussetzungen und auch die Schwierigkeiten gesprochen. Ziemlich schnell war klar, dass die wichtigste Voraussetzung für eine gelingende Inklusion die entsprechende Haltung ist. Vorherrschen sollte in jedem Fall ein inklusives Menschenbild und die Erkenntnis darüber, dass eine Behinderung oder eine Benachteiligung im Grunde immer von den äußeren Umständen und Bedingungen abhängt. 

Ich sagte den Studierenden diesbezüglich, dass sie beispielsweise durch das virtuelle Setting, in dem wir uns aktuell befinden, nicht sagen könnten, ob möglicherweise eine körperliche Beeinträchtigung habe. Genauso wenig kann ich beurteilen, ob jemand von ihnen vielleicht im Rollstuhl sitzt. Das heißt: Es gibt Situationen, in denen eine Behinderung keine Rolle spielt. 

Ein Student erinnerte sich an eine Aussage des Aktivisten Raul Krauthausen, der sagte „Ich bin nicht behindert, ich werde behindert.“ – nämlich von den äußeren Bedingungen. So lange fünf Personen gleichzeitig sitzen und sich unterhalten, spielt seine Behinderung keine Rolle.
Spannender wurde es dann beim nächsten Beispiel, nämlich dem von geflüchteten Jugendlichen. Hängt deren soziale Benachteiligung denn auch von den äußeren Umständen ab? Eine Studentin, die in einem Mädchenwohnheim arbeitet, meldete sich zu Wort und erzählte in wie vielen Lebensbereichen diese Mädchen benachteiligt sind. Sie haben schlechte Chancen in der Schule, werden bei Bewerbungen abgewiesen und haben außerdem Schwierigkeiten ihre Freizeit selbstbestimmt zu gestalten – diesen Mädchen ist ihre Benachteiligung immer präsent.
Aber woran liegt das? Liegt es an der Situation der Mädchen? 

Oder liegt es am Schulsystem, das noch keine idealen Bedingungen schaffen konnte, Kinder und Jugendliche aufzufangen und zu integrieren, die kein Deutsch können? Liegt es an den Arbeitgebern, die die Bewerbungen ablehnen? Liegt es an den Wohnverhältnissen, in denen diese Mädchen leben? 
In der Vorlesung gab es ein allgemeines Nicken. Und genau hier stellt sich die Frage: Was können Sozialarbeit und Pädagogik leisten, um Bedingungen zu schaffen, dass die Behinderungen und Benachteiligungen eine immer geringere Rolle spielen?

Meiner Meinung nach ist es nämlich wichtig, Umstände und suboptimale Bedingungen nicht einfach hinzunehmen, sondern ganz konkret zu überlegen, wie man sie beheben kann.
Wie geht das? Na ja da gibt es viele Möglichkeiten, vielleicht erstmal zu den klassischen:

Je nach individueller Beeinträchtigung oder Benachteiligung sollten bauliche Gegebenheiten hinterfragt werden: Ist die Einrichtung tatsächlich zu 100% Prozent barrierefrei, so dass sie niemanden behindert?
Weiterhin sollte das Angebot hinterfragt werden: Gibt es Inhalte, die Menschen ansprechen, die kein Deutsch können, ohne diese zu behindern? Als Beispiel sind hier Sportangebote zu nennen.

Diese beiden Beispiele sind wahrscheinlich allen bekannt, die in irgendeiner Form im pädagogischen oder sozialen Sektor arbeiten (dennoch werden sie nicht selbstverständlich umgesetzt), doch es gibt eine Vielzahl weiterer Schritte, die man gehen kann, um Kinder und Jugendliche an ihren Standpunkten abzuholen und sie eben nicht zu behindern.

Die Voraussetzung dafür, dass man diese Schritte geht, ist aber wiederum in den Köpfen der Mitarbeitenden zu finden. Geht es darum, die Kinder und Jugendlichen irgendwie so zu unterstützen, dass sie ins System passen? Oder sollte das System an sie angepasst werden?
Vollkommen berechtigt erwähnte hier ein Student, dass sich beispielsweise an das Schulsystem erstmal alle Kinder anpassen müssen, ganz egal ob sie behindert oder benachteiligt sind – An dieser Stelle verweise ich gerne auf einen Blogbeitrag zum Thema Schulsystem 

In jedem Fall ist es meiner Meinung nach notwendig die Individualität aller Kinder und Jugendlichen anzuerkennen und diese auch nicht verbiegen zu wollen.
Ich erzählte den Studierenden von einem autistischen Schüler, der nur dann im Klassenraum sitzen konnte, wenn er mit einer Rassel rasseln durfte und fragte die Studierenden, ob sie das verbieten oder zulassen würden. 

Die Meinungen waren geteilt, aber es war Konsens, dass das Rasseln die anderen Schüler*innen wahrscheinlich stört. Also doch eher weg mit der Rassel – Alle glücklich machen geht hier wohl nicht.

Anschließend erzählte ich, wie die Problematik tatsächlich gelöst wurde: Der Integrationsassistent bastelte gemeinsam mit dem Schüler eine neue Rassel, die mit Styropor-Kügelchen gefüllt und deshalb deutlich leiser war, aber dem Jungen dennoch das notwendige Gefühl gab.
Sobald also die Grenze im Kopf geöffnet wurde, dass es nur entweder schwarz oder weiß gibt, dass die Entscheidungen nur für oder gegen die Bedarfe der betroffenen Kinder und Jugendlichen getroffen werden können, kann man tatsächlich beginnen zu arbeiten. 
Ein Student blieb kritisch und beharrte auf seiner Meinung, dass es aber doch bestimmte Dinge gibt, die eben einfach nicht gehen.
So wie ich ihn eingeladen habe, lade ich an dieser Stelle auch Euch ein: Wenn Ihr das nächste Mal in einer Situation seid, in der Ihr sagt oder denkt: „Das geht nicht.“, fragt Euch mal die folgenden Fragen:
Warum geht es nicht?
Was müsste gegeben sein, damit es geht?
Und welche Möglichkeiten bestehen, sich diesen Gegebenheiten zu nähern.

Dann heißt es nicht, dass auf einmal alles geht, aber nach meiner Erfahrung zeigt sich meist ein ganz deutlicher Weg.